Erinnerungen E. Paproths

Erwin Paproth wurde 1938 in Strodehne geboren. Später arbeitete er als Bergmann in Gelsenkirchen. Er hat seine Erinnerungen in einem Buch festgehalten. Das Buch (ISBN 978-3-7375-4537-2) kann auf www.epubli.de erworben werden. Hier ist der Teil seiner Erinnerungen nachzulesen, der die Jugendjahre in Strodehne sowie zwei Reisen nach Strodehne in 1995 und 2001 betrifft.

Erwin Paproth

Erwin Paproth


Erinnerungen an Strodehne 1943 – 45 und 50 Jahre später

von Erwin Paproth

Strodehne, ein verschlafenes Dorf – vom Rest der Welt vergessen – im Norden des Westhavellandes zwischen den Flüssen Dosse, Havel und Rhin, der in den Gülper See mündet. Die Einwohnerzahl war unter 100. Hier kannte Jeder Jeden. Gute Nachbarschaft war selbstverständlich.

ortschildlandkarteEine fast 9 km lange Kopfsteinpflaster-Straße verbindet das Dorf mit dem Städtchen Rhinow. Die Straße macht nur einmal eine leichte Kurve. Links und rechts ragen riesige Bäume gen Himmel, dahinter sind Wiesen, Felder, Sumpf als Naturschutz. Keine Bahn, kein sonstiger Verkehr macht Lärm. Hier war alles naturbelassen.

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Unser Haus 1944

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Unser Haus 2003

Die Dorfstraße (festgefahrene Erde und teilweise Kopfsteine) spaltet sich im Ort nach links – an den kleinen Dorfladen vorbei – ins Großdorf, nach rechts ins Kleindorf und weitere kleinere Abbiegungen als Wege. Allesamt sind Sackgassen. Im Dorf lebten Handwerker, so findet man Schmied, Bäcker, Korbflechter, Friseur und einen Schuster. Sie alle haben sich um den großen Dorfplatz neben der Gaststätte angesiedelt.

Hier um den Platz waren auch die Kirche und die kleine Schule. Vergessen darf man nicht die Fischer, die freiwillige Feuerwehr und natürlich die Bauern. Es gab nicht mal eine Busverbindung zwischen Rhinow und Strodehne.

Ich kam im Januar 1938 zur Welt, mein Bruder ein Jahr später und die Schwester 1940. Mutter war eine von über 300 000 junge Frauen, die als Kriegshelferinnen in Richtung Berlin transportiert wurden. Hitler hatte das Sagen und befahl. Überall wo Männer fehlten, mußten Frauen aushelfen. Hier lernte Mutter den jungen Soldaten kennen, der unser Vater wurde. Er und seine Familie waren in Strodehne zu Hause.

Die Kleindorfstraße war nur ein festgefahrener breiter Weg mit Schlaglöchern. Links war die Wiese vor dem Nebenarm der Havel, rechts einige Häuser. Sie endete genau vor dem Tor des Bauernhofes. Ein weißes Haus stand nach hinten versetzt zwischen dem Bauernhof und uns. Wir wohnten rechts neben dem Tor im Backsteinhaus. Einige Steinstufen führten hinter dem Haus zu unserer Wohnung. Die Kellerfenster waren zur ebener Straße.Von der Haustür links war die Wohnküche, rechts das Wohnzimmer. Ein großer mit grünen Kacheln verzierter Ofen stand in der Ecke, davor die gemütliche Bank. In der anderen Ecke war der große Tisch mit der Eckbank. Durch eine weitere Tür gelang man ins Schlafzimmer. Im Flur führte eine Treppe zum oberen Geschoß. Mutter und wir drei Kinder fühlten uns hier wohl. Wir lebten hier unbeschwert und tollten im Dorf herum. Es war eine schöne Kinderzeit.

Weil wir am Ende der Kleindorfstraße wohnten, hatten wir immer einen weiteren Weg zum Dorfplatz, dem Dorfkern. Oft hatte ich nur meinen Bruder als Spielkamerad. Meine Schwester wurde von der Mutter in der Bauernküche – wo sie morgens arbeitete – versorgt. Das Spielen auf den großen Bauernhof war für uns verboten. Es lauerten überall Unfallgefahren. Trotzdem verirrten wir uns manchmal hier. Wir Jungen liefen an der Havel entlang in Richtung Schule oder Fähre und fanden immer andere Jungen zum Herumtollen und Blödsinn machen. Wir waren meist 4, 5 oder 6 und merkten erst beim Dunkelwerden, oder wenn einer Hunger hatte, wo wir waren. Das Spielen trieb uns bis zur Gahlberg Mühle und zum Gülper See. Der Weg dahin war etwa 800 Meter. Hier waren wir zwischen Frösche, Störche, Enten. Fischer glitten mit ihren Booten auf dem ruhigen See. Möwen umkreisten sie, in der Hoffnung, einen Happen zu erhaschen. Bei Regen oder Gewitter fanden wir im Kahnschuppen Unterschlupf. Mein Bruder hatte furchtbare Angst. Er war kaum zu beruhigen.

Das Wort: „Freund“ brauchten wir nicht. Wir waren einfach alle zusammen, spielten, tobten und machten Unsinn. Willi – er hatte den selben Nachnamen wie ich, war 3 Monate jünger, unsere Großväter waren Brüder -, war immer der Mutigste und der Schlauere von uns, wenn es darum ging: Was machen wir heute?

Gleichaltrige Mädchen gab es wenige. Manchmal verirrte sich eine in unserer Mitte und machte unseren Unsinn mit. Aber sonst ? Sie hatten nur ihre Puppen im Sinn und hüpften dauernd mit einem Seil. Nur ein älterer Junge von uns lief oft hinter einer her, die ihre blonden Zöpfe geflochten nach hinten trug. Er sonderte sich dann immer ab, wenn er sie sah.

Unser Dorfladen, der in der Abzweigung zum Großdorf lag, bot alles Nötige was man für Haus und Garten brauchte. Aber überwiegend Lebensmittel. Diverse Sachen mußten bestellt werden, die dann von Rhinow oder Rathenow geliefert wurden. Auf dem Vorplatz trafen sich die Frauen zum Tratschen und Neuigkeiten aus zu tauschen. Ältere Männer saßen auf der Bank, stopften ihre Pfeifen und hatten Bierflaschen neben sich stehen. Das gleiche Schauspiel sah man auch vor dem Gasthaus am Dorfplatz. Hier hatte auch der Schmied seine Werkstatt mit der offenen Feuerstelle und dem Amboss. Oft standen Bauern mit Pferde vor dem Tor. Neue Hufe wurden den Tieren angepasst. Wir wunderten uns immer, warum es den Tieren nicht weh tat, schließlich waren die Hufeisen glühend heiß und beim Anpassen qualmte und stank es fürchterlich.

Den Schmied versuchten wir oft zu ärgern. Er war ein großer stämmiger Kerl. Der nackte Oberkörper war mit dem Latz der großen Lederschürze bedeckt. Sein Körper glänzte vor Schweiß und seine Glatze noch mehr, wenn die Sonne drauf schien. Wir riefen immer zu ihn rüber: „Hühnerkacke, Hühnerkacke!“ Deshalb:

Wir hatten bei einem Gespräch der Männer gehört, daß man die Haare mit Hühnermist einreiben sollte, wenn man Haarausfall bemerkt. Es wachsen dann neue Haare nach. Der Schmied stemmte sich dann in unsere Richtung vor seinem Tor auf, hob den Schmiedehammer und drohte. Wir rannten dann so schnell wie möglich im Richtung Havel. Natürlich bemerkten wir, daß er grinste. Doch Sicherheit war uns wichtiger.

Vater war im Krieg. Einmal kam er überraschend in voller Soldatenausrüstung zu Besuch. – ich glaube es war Sommer 1944 –. Ich konnte mich nicht an ihn erinnern. Alle freuten sich natürlich. Es wurde gebacken und gefeiert. Wenn er Mutter umarmte, mußten wir den Raum verlassen. Vater befaßte sich mit uns, war aber nie ganz bei der Sache. Er brauchte Ruhe um sich zu erholen. Oft saß er am Kachelofen und sinnierte vor sich hin. Er drehte Zigaretten und trank Alkohol. Wir versuchten, ihn auf aufzuheitern. Es gelang nicht immer. Er war geistig wo anders. Einige Tage später kam der Marschbefehl. Er mußte wieder weg. Er wurde mit anderen Kameraden aus dem Dorf mit dem Jeep abgeholt. Wir hatten kaum Zeit, uns von ihn zu verabschieden. Wir winkten. Mutter weinte und nahm uns in die Arme.

Essen war zur Zeit knapp, Mutter half den Bauer und wir hatten immer was. Oft saßen wir in der großen Bauernküche, wo viele Frauen für das Essen der Arbeiter sorgen mußten, denn plötzlich waren Leute da, die ich vorher nie gesehen hatte. Sie waren überall untergebracht und hinter dem Bauernhof zum Wäldchen lagerten auch Einige.

Mutter befahl, daß wir in der Nähe bleiben sollten, denn die Zwangsarbeiter und polnische Gefangene waren fremde Leute. Sie wurden hergeholt, um den Bauer zu helfen. Man versteht sie nicht und sie klauen, meinte Mutter. Doch beim Herum rennen vergaßen wir oft die Mahnung.

oma

Oma

Unser Hof war groß. Er gehörte zum Gehöft nebenan, welches natürlich noch größer war und die großen Tiere beherbergte. Alles gehörte dem Großbauern, der auch Knechte und Mägde beschäftigte. Links und rechts waren Ställe für Ziegen, Schweine, Gänse, Kaninchen. Hühner liefen überall herum. Katzen lagen faul in der Sonne.

In der Mitte des Hofes befand sich natürlich der Misthaufen. An den Geruch hatten wir uns schon gewöhnt. Das große Tor der Scheune, die den hinteren Teil des Hofes abschloß, war meistens offen und vor dem hinteren Tor stand oft der Trecker und der Heuwagen. Dahinter waren die Felder und Wiesen. Ein Weg führte zur Hauptstraße. Die Scheune war voll mit Heu. Ein wunderbarer Spielplatz für uns Kinder. Wir kletterten die Leiter zum oberen Stock und sprangen ins unten lose aufgeschichtetem Heu. Der Spaß war vorbei, wenn ein Knecht oder der Bauer kam. Hier und auch Nebenan liefen Mägde und Knechte umher. Sie hatten immer einige Gefangene dabei.

Der Haupthof war fast quadratisch angelegt. Links vom Tor war das Wohngebäude und rundherum die Ställe, in der Mitte wieder der immer duftende Misthaufen. Rechts die Pferde, links die Kühe und hinter wieder eine Scheune. Der Bulle hatte oft Damenbesuche (Kühe), die von ihm besamt werden wollten. Eine besondere Vorrichtung war angebracht. Die Kuh stand zwischen zwei Stangen und etwas tiefer. Der Bulle war ein kräftiges Tier. Am seinem Nasenring wurde eine Stange befestigt und so wurde er zur Kuh geführt. Wenn er nicht wollte oder zu langsam war, schlug ein Helfer mit der Peitsche auf die lang herunter hängende Hoden. Dieses Schauspiel faszinierte mich und machte neugierig. Die Erklärung von Mutter war offen: Es wurden Kälber erzeugt. Genauso wie bei den anderen Tieren. Zwei Hunde hingen mal im Hof zusammen. Die Magd schrie, ein Knecht kam mit einem Eimer Wasser und schüttete es über sie. Jaulend trennten sie sich und schlichen weg.

Einmal hatten sich zwei Schäferhunde in ihren Schnauzen verbissen. Sie jammerten und kamen nicht mehr los. Der Bauer kam mit dem Knecht und sie schlugen mit Knüppel und Spaten beide Hunde tot. Ich fragte Mutter, warum Hunde sich vorne verbeißen und hinten zusammenhängen. Sie: „Vorne ist Streit und hinten Liebe!“ Ich kann mich noch an diese Worte erinnern.

Der Ziegenbock war ein ganz schlimmer, er lief dauernd meckernd hinter den Ziegen her. Die Ziegen wurden gemolken, deren Milch verdünnt getrunken oder zu Butter gestampft. Es war eine mühsame Arbeit. Im Butterfaß blieb die Milch einige Zeit stehen, dann wurde sie geschlagen, der Stampfer rauf und runter, rauf und runter ….Ich hatte mal geholfen, doch wenn das Geschlagene fester wird, wird auch das Schlagen schwerer.

Die Hühner versorgten uns immer mit Eier. Alle Tiere gehörten natürlich dem Bauern, Mutter half täglich in seiner Küche und auf den Hof, deshalb überließ er uns Eßbares. Hasen und Karnickel waren oft unsere Spielkameraden. Wir ließen sie frei laufen und versuchten, sie wieder einzufangen.

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Der Weg zum Wäldchen

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Unsere Havel

Gegenüber der Schule war die Kirche. Ich weiß nicht mehr, ob ich jemals vor dem Altar oder in der Kirche war. Wurde ich getauft? Der Pfarrer war bei uns in der Schule und versuchte uns den Glauben beizubringen. Oft stand er mit Dorfbewohnern am Rand des Weges und redete. Wenn er uns sah, hob er die Hand und winkte. Auf der anderen Seite unseres Hauses ging der Weg zum Ufer der Havel. Kähne ankerten hier. Durch Zufall lernte ich das Schwimmen. Ich hing mit den Händen am Rand eines Kahns und ließ mich einfach los. Ich dachte, ich könnte hier noch stehen. Dem war nicht so. Ich war gezwungen, mich zu bewegen. Und ohne viel Mühe schwamm ich um den Kahn herum. Ich war stolz auf mich und mußte es Mutter erzählen.

Dieser Nebenarm der Havel war hier wie fast überall nicht tief. Das Wasser war immer ruhig, genau wie die Umgebung. Schwäne, Enten und Rallen flatterten und schwammen umher. Hundegebell, das Krähen eines Hahns sowie Gänse und Kühe waren zu hören.

Ein vorbei fahrender Fischerkahn machte einige kleine Wellen. Der Fischer ruderte gemächlich weiter. Nur die Flieger störten gewaltig. „Im Osten ist mehr Krieg,“ meinte Mutter. Mit der Zeit hatte man sich daran gewöhnt. Manchmal flatterten Silberstreifen von den Flugzeugen. Natürlich sammelten wir sie auf. Soldaten, die ständig mit dem Geländewagen herumfuhren, eilten herbei und ermahnten uns. Wir mußten alles Silber abgeben. Einer erklärte: „Wegen Radar!“ und auch warum, doch wir verstanden nicht. Einmal, wir hatten Ziegen dabei und führten sie hinter den Bauernhof auf die Wiese vor dem kleinen Wäldchen.

Weiter durften wir nie, denn dahinter waren Sümpfe. Ein älterer Junge beaufsichtigte uns. Der schrie plötzlich: „Hinlegen!“ Vor Schreck ließen wir uns fallen. Die Ziegen rannten meckernd davon. Ein fast lautloses kleines Flugzeug zischte über uns hinweg. Wir hatten Angst und mit zitternden Knien gingen wir nach Hause. Die Ziegen konnten wir noch einfangen.

1944: Es kamen schöne heiße Sommertage. Wir tobten uns an und in der Havel aus. Hier hatte ich einen Unfall. Ich hangelte mich am Rand eines Kahns um diesen herum. Ein anderer Junge warf einen Stein und traf genau meinen Zeigefinger der rechten Hand. Weinend lief ich zum Bauernhof, wo Mutter gerade die Küche putzte. Der Bauer kam hinzu und leistete Erste Hilfe. Ein Knecht mußte die Kutsche einspannen und mich zum Krankenhaus Rhinow bringen.

Der Finger wurde genäht und geschient. Ich war einige Zeit etwas behindert. Zur Nachbehandlung fuhr Mutter mit mir mit einem geliehenen Rad nach Rhinow. Es war für sie eine Leistung. Was tun Mütter nicht alles für ihre Kinder !

Mein Großvater starb an Krebs. Großmutter heiratete den Fischer Ullrich. Das Haus stand am Deich. Er war auf Aale spezialisiert. Er ging hinter dem Haus über eine Wiese und holte täglich die Reusen aus dem Wasser. In einem Bottich sammelte er die Aale und schüttete sie in den Sandkasten neben den Räucherofen. Die Aale schuppten sich so durch winden selbst ab. Nach dem Ausnehmen wurden sie im Räucherofen aufgehängt. Einige Male nahm er mich mit zu den Reusen, die kniehoch im Wasser standen. Vom Haus bis hier waren es fast 50 m je nach Wasserstand.

Sein Boot durfte ich nie anfassen. Er nahm mich nie mit zum Fischen. Ich würde nur stören, meinte er. Das Haus selbst war klein. Nach dem Gartentüreingang waren links Johannis- und Stachelbeersträucher. Hinter dem Haus waren Gemüsebeete und dazwischen das Toilettenhäuschen. Rechts vom Haus befand sich der Sandkasten – in dem wir nie spielen durften. Er war für die Aale gedacht. Überhaupt war unser neuer Opa streng. Nichts durfte man anfassen oder wir mußten auf alles Mögliche achten. Er sah Kinder nicht gerne. Bei Hochwasser kam das Wasser über die Wiese bis nah ans Haus. Im Haus gab es in Parterre die Wohnküche und im ersten Stock das Schlafzimmer. Es waren hohe Betten mit großen dicken Kissen und Bettzeug. Hinter einer Tür war ein kleines Nebenzimmer für Kleider und sonstige Haushaltssachen. Alles war klein aber fein.

Feuerwehrhäuschen

Feuerwehrhäuschen

Mühle in Strodehne Gahlberg

Mühle in Strodehne Gahlberg

Wenn wir in der Nähe spielten, ging ich oft zur Oma um eine Stulle zu holen. Von unserer kleinen Fähre zu ihr war es nicht weit.

Die Feuerwehr hatte ihr Domizil gegenüber dem Laden am Eingang des Dorfes. Es war ein garagengroßes Häuschen mit der roten Feuerwehrbeschriftung über dem Tor. An einen Einsatz kann ich mich nicht erinnern, nur an ihre Übungen. Der lange Schlauch wurde aufgerollt, in die Havel geworfen und an die Handpumpe angeschlossen. Zwei Männer mußten sie bedienen, rauf runter, rauf runter …. Ich durfte mal den Mann an der Spritze helfen und das Ding halten. Doch es war zu schwer.

Der Schuhmacher hatte viele alte Schuhe, Stiefel und anderes Gerümpel vor seinem Laden liegen. Na ja, irgendwer konnte immer etwas gebrauchen. Vom Großdorf führte der Weg zum Deich über den Backofenberg. Hier am Nebenarm der Havel befand sich die Fähre. Der Fluss war auch hier nicht tief. Das Wasser war immer ruhig. Ab und zu ruderte ein Fischer – meistens mein Opa – vorbei und schimpfte, weil wir Kinder die Fische vertrieben. Ich glaube, Erwachsene konnten hier durch den Fluss waten.

Unsere Fähre

Unsere Fähre

Wirtshaus

Wirtshaus

Die einfache Fähre diente als Wirtschaftsfähre hauptsächlich dazu, Kühe, Ziegen und Schafe auf die Insel zu befördern. Aber auch Trecker, Pferde mit Wagen und natürlich Leute wollten mal rüber. Die Fähre war an beiden Seiten mit Seilen von Ufer zu Ufer befestigt und wurde gezogen. Die Seile liefen über Rollen am Rand der Fähre entlang. Mit Hilfe von handdicke 30 cm lange runde Holzklammern – an einer Seite war ein Griff gehobelt und am anderen Ende eine Kerbe gesägt, in dem das Seil eingehakt wurde – versuchten der Fährmann und Helfer das andere Ufer zu erreichen. Außerdem gab es als Hilfe noch die langen Staken. Für uns Kinder war es ein Spaß, zu helfen. Und – im Sommer – sprangen wir ins Wasser und schwammen zurück. Die andere Uferseite war für uns verboten. Warum auch immer.

Dorfplatz - Backofenberg

Dorfplatz – Backofenberg

Hier stand Opas Haus

Hier stand Opas Haus

Unsere kleine Schule wurde wieder geöffnet. Ich wurde eingeschult. Ein Lehrer aus Rhinow, ein Kriegsversehrter, kam. Das Gebäude war gegenüber der Kirche. Als Begrüßung mußten wir den Hitlergruß lernen: Die Hacken zusammen, gerade aufrecht stehen, die rechte Hand halb nach oben gen Himmel strecken und laut und deutlich „Heil Hitler“ schreien. Ein Hitlerbild hing im Raum neben dem Hakenkreuzbanner. Die Fahne mit dem Kreuzsymbol war überall im Ort zu sehen.

Ich bekam einen Matrosenanzug: Eine weiße kurze Hose, ein Hemd mit einem großen weißen Kragen, der mit blauen Streifen verziert war. Ich war stolz. Mutter besorgte eine Schiefertafel mit Schwamm und zwei Griffel, die sorgfältig in einem Tuch eingewickelt wurden. Im Nebenraum und hinter der Schule waren Soldaten einquartiert, sie fuhren laufend mit dem Geländewagen durch die Gegend. Wir brauchten nur ein Klassenzimmer. Der Lehrer war für uns 7 oder 8 Kinder – unterschiedlichen Alters – zuständig. Die Jüngsten vorne, die Älteren nach hinten. Er befaßte sich erst mit den Kleinsten, gab uns dann was auf und entließ uns. Oft saßen wir aber noch auf den schmalen Holzbänken und hörten dem Lehrer zu, was er den Älteren erklärte. Zu Hause setzte ich mich an den Kachelofen und malte Zahlen und Buchstaben. Mutter wurde einmal zum Lehrer beordert. Ich hatte Angst, wußte nicht warum. Doch der fragte nur, ob sie bei den Aufgaben helfen würde, weil ich so gut sei. Nein, mir machte es Spaß.

Bei einem Streit zerbrach die Tafel, sie mußte notdürftig zusammengeklebt werden. Mutter ging zum Dorfladen und bestellte eine neue, aber auch Papier und Bleistifte, eine Griffelfdose und einen Tornister. Wir hatten uns an Lehrer und Schule gewöhnt, als plötzlich die Schulgang untersagt wurde.

Es kamen immer mehr Gefangene und Zwangsarbeiter, die im Dorf untergebracht werden mußten. Auch in der Schule. Die deutschen Soldaten transportierten sie hierher.

Unsere Schule

Unsere Schule

Fischerboote

Fischerboote

Der Bauer hatte alle Hände voll zu tun, denn auch er mußte diese Leute beschäftigen und unterbringen. Einige hausten in den Ställen und in der Scheune. Es waren Polen und Russen, Männer und Frauen. Sie arbeiteten fleißig und versuchten mit uns Kindern in Kontakt zu kommen. Wir verstanden sie nicht. Sie waren trotz ihrer schlechten Situation freundlich und hilfsbereit. Etliche wurden später wieder abtransportiert.

Wieder Fliegeralarm. Mutter ging mit uns in den Keller. Durch die Kellerfenster konnten wir, auf den Kohlenhaufen stehend, auf die Straße sehen. Einige Bomber flogen über die Havel und auf der Wiese davor knallte eine Kiste. Sie zersprang in mehrere Teile. Erschrocken riefen wir die Mutter. Wir sahen, dass Nachbarn zur Kiste rannten. Wir mußten hin. Was sahen wir? Gummistiefel. Es waren alles Gummistiefel. Die Leute sammelten was sie tragen konnten und rannten davon. Es dauerte nicht lange, bis nur noch Bretter da lagen. Einem Tag später war ein Militärjeep mit einigen Soldaten da und suchten die Stiefel. Ausreden wurden von Dorfbewohner gesucht. Stiefel? Ich weiß nichts. Die Havel hat sie vielleicht mitgenommen. Die Herren glaubten nicht und machten Hausdurchsuchungen. Sie fanden tatsächlich einige. Mutter hatte fünf Paar unter Kohlen versteckt. Sie behielt ein Paar für sich und die anderen wurden später dem Bauern übergeben.

Na ja, der Krieg. Anfangs bekamen wir nicht viel mit. Flugzeuge flogen von Westen kommend in Richtung Berlin. Sirenen heulten, sie waren weithin zu hören, wir flüchteten vorsichtshalber in den Keller. Im Dorf, auf dem Hügel neben der Fähre war ein Beobachtungsposten von der Wehrmacht mit schußbereiter Flak aufgestellt worden. Einige Soldaten waren im Schulgebäude untergebracht.

Ihre Jeeps versteckten sie in der nahen Scheune eines Bauern, wo auch einige Soldaten nächtigten. Oft spielten wir Jungen mit den deutschen Soldaten das Rauf – und Runter, Links – und Rechts kurbeln auf dem drehbaren Gerüst der Flak. Wir stellten uns drauf drehten uns im Kreis. Es machte Spaß. Die Soldaten beobachteten ständig den Himmel im Westen. Ab und zu sah man Bomber hoch über uns fliegen, in Richtung Osten. Sirenen heulten, man hörte sie von Rhinow, Havelberg und Umgebung, wir mußten verschwinden. Was für die Soldaten – Ernst war, war für uns Kleinen fast nur Spiel. Wir waren zu jung, um zu begreifen. Manchmal flogen die Bomber so tief, daß wir Angst hatten. Wir rannten in die Büsche, versteckten uns in Häusereingänge und schauten ängstlich zum Himmel. Die Soldaten beruhigten uns: „Keine Angst, das sind unsere!“ Die Flugzeuge kamen zurück, flogen aber höher und waren leiser.

Dann waren die deutschen Soldaten plötzlich über Nacht weg. Es war Krieg, und der rückte immer näher an unser Dorf heran. Alle im Dorf waren aufgeregt, standen redend auf den Straßen. Nachbarfrauen liefen ängstlich umher, gestikulierten mit den Händen und schimpften auf den verdammten Krieg.

Flugabwehrgeschütz

Flugabwehrgeschütz

Herbst 1944: Plötzlich wieder Fliegeralarm. Alle rannten heim. Mutter versteckte sich mit uns in den Keller hinter Regale mit Eingemachtem und dem Kohlenhaufen. Geschrei und Schüsse waren zu hören. Die Kellerfenster wurden eingestoßen. Russen schrien: „Deutsch raus! Alle raus!“ Ängstlich nahm Mutter uns an den Händen und führte uns auf den Hof.

Russische Soldaten waren mit Pferde auf dem Hof. Sie banden sie an der Scheune fest, eine kleine rundliche Frau stand auf den Misthaufen und schrie. Die Männer – es waren etwa 12 oder 13 – standen aufrecht mit dem Gesicht zu ihr. Sie gab Kommandos, die Männer hoben die Arme, legten die Hände an die Mützen und stellten das Gewehr neben sich. Einige Soldaten kamen mit schußbereitem Gewehr aus dem Haus. Sie hatten alle Ecken nach deutschen Soldaten durchsucht. Man fühlte uns ab und ließ uns wieder ins Haus. In der Wohnstube guckten wir natürlich neugierig aus dem Fenster. Mutter beruhigte uns und erklärte die Lage. Ja, die Russen sind in unserem Dorf einmarschiert. Die Frau kam vom Misthaufen herunter, stieg in den Geländewagen und fuhr zum Nebenhof. Ihr lautes Brüllen kam von den Häusermauern als Echo zurück.

Die Männer machten es sich in und an der Scheune im Heu bequem. Sie hatten alles Nötige in einem kleinen mitgebrachten Lastauto dabei, Essen, Trinken und Kochgeschirr. Es dauerte nicht lange, bis die Ersten uns zugewunken hatten und an die Tür klopften. Sie lächelten und schienen selbst mit der Situation unzufrieden. Bald suchten auch wir Kinder ihre Nähe. Sie lockten uns mit Leckereien. Sie versuchten uns zu beruhigen. Da wir die Sprache nicht verstanden, gestikulierten sie mit Händen und Füßen. Ein, zwei Jüngere konnten etwas deutsch und fungierten als Dolmetscher. Immer abends kam die kleine Frau, schrie einige Kommandos und verschwand wieder zum Nachbarhof, wo sie ebenfalls lauthals Kommandos brüllte, denn auch dort waren Russen untergebracht. Das ganze Leben spielte sich auf dem Hof ab. Sogar unsere Plumpsklos, auch Donnerbalken genannt, benutzten sie. Sie bauten sich selbst eins. Am Rand des Misthaufens waren einige Bretter hochkant aufgestellt. In der Mitte zwei große Steine und darüber ein Brett zum Sitzen, Toilettenpapier gab es nicht, man nahm die Finger oder etwas Stroh. Wasser und eine Tränke für das Kleinvieh unseres Bauern war natürlich vorhanden und ihre Pferde, die sie sorgfältig striegelten und versorgten, benutzten sie. Die Hühner, Gänse und Ziegen waren nervös und wurden vom Bauer eingesperrt. Im hinteren Teil des Hofes und in der Scheune hatten es sich die Soldaten bequem gemacht. Die Älteren tranken, schrien herum und nahmen sich, was sie wollten. Sie klauten Hühner, rissen die Köpfe ab, nahmen sie aus und spießten sie auf einen Stock, den sie über eine offene Feuerstelle hielten. Einmal fehlten uns zwei Kaninchen und dann sollte ein Schwein geschlachtet werden. Der Bauer versuchte zu erklären, daß dies nicht ohne Metzger ging und der ist in Rhinow. Vor Wut schlugen sie auf die Schweine ein, die jaulend über den Hof liefen. Sie kamen mit dem Schrecken davon. Nach drei Tagen hatte man sich an die Fremdlinge gewöhnt, sie waren überall in Dorf zu finden. Sie waren mit ihren Pferden und dem Geländewagen überall im Ort, durchwühlten jedes Haus, jeden Hof und jeden Keller. Einmal sahen mein Bruder und ich, wie sie einen alten deutschen Mann mit nackten Oberkörper aus einen Schuppen zerrten. Triumphierend schwenkten sie eine deutsche Uniform, schrien herum und banden den Mann an einen Strommast. Er weinte und jammerte. Nachbarn kamen herbei, gestikulierten und versuchten den Russen klar zu machen, daß es kein Soldat sei und eine Frau versicherte, es sei ihr alter Vater und die Uniform wurde gefunden.

Ein Russe lief mit einem Zinkeimer zur Havel, kam mit Wasser zurück und übergoss den Mann. Es kamen noch einige Russen hinzu und nach etlicher Zeit erschien die kleine schreiende Kommandantin. Lächelnd betrachtete sie den Festgebundenen, ging um ihn herum, schlug mit ihrer Peitsche auf ihn und zeigte auf ihr Fahrzeug. Der Mann wurde auf den Rücksitz geworfen, so als wäre es ein Gegenstand. Ihr Fahrer fuhr los und sie fuchtelte mit ihrer Knute in der Luft herum. Den Mann sahen wir nicht wieder.

Das Wehr zwischen Gülper See und Gülper Havel

Das Wehr zwischen Gülper See und Gülper Havel

Schild "Naturschutzgebiet"

Schild „Naturschutzgebiet“

Ich wurde eines nachts wach. Ich hatte das Gefühl, eine Mütze auf dem Kopf zu haben und darunter tummelten sich Mäuse. Ich kratzte, es half nicht. Mutters Bett war leer. Ich machte die Wohnungstür auf, rieb mir die Augen. Das dunkle Licht blendete. Mutter und die Nachbarin amüsierten sich mit einigen Soldaten. Sie tranken, rauchten, tanzten umher. Einer sah mich, lallte etwas und kam mit dem Glas in der Hand auf mich zu. Die Nachbarfrau, sie wohnte über uns, die Wohnung bekam sie, weil sie heiraten wollte, doch dazu kam es nicht, der Bräutigam mußte in den Krieg, lag mit dem Oberkörper auf den Tisch, ein Mann stand hinter ihr und bewegte sich. Mutter sah mich, erschrak, nahm meinen Arm und führte mich zum Bett. Sie beruhigte mich und ich schlief bald wieder ein.

Am Morgen war vieles anders. Mutter hatte wenig geschlafen, stand schon in der Küche, war gut gelaunt und zeigte auf den Küchentisch. Konservendosen mit Wurst, Schinken und Brot lagen verpackt auf den Tisch. „Alles Geschenke,“ sagte sie.

In der Ecke des Raumes stand ein Sack mit Zucker, daneben einer mit Kartoffeln. Ich war noch im Nachthemd, rieb mir die Augen und konnte es nicht glauben.

In den nächsten Nächten fast das Gleiche. Immer hatte ich das Gefühl, Mäuse tanzten in meinen Haaren unter der nicht vorhandenen Mütze. Mutters Bett war natürlich leer, ich öffnete die Wohnzimmertür und beobachtete immer das Selbe, Mutter und die Nachbarin amüsierten sich auf der Eckbank vor dem Kachelofen mit den Russen. Sie waren halb nackt, tranken Alkohol und rauchten Zigaretten. Mutter kam wieder auf mich zu und brachte mich zu meinen Geschwistern ins Bett. Ich erzählte ihr von den Mäusen, sie meinte, das sind nur die Nerven. Ich trug nie mehr eine Mütze, auch in der Kälte nicht. Ich hatte Angst, Mäuse tobten sich in meinen Haaren aus.

Wir Kinder spielten auf der großen Wiese im Kleindorf an der Havel, als plötzlich ein lautes Wiehern und ein Fluchen zu hören waren. Erschrocken drehten wir uns um und sahen, wie ein russischer Soldat vom Pferd stieg, sich bückte und weiter fluchte. Wir liefen hin. Das Pferd hatte sich den Vorderfuß verknackst, wieherte vor Schmerzen und stand schwankend auf drei Beine. Die Straße hatte viele Schlaglöcher. Aus unserem Hof kamen anderen Russen hinzu, schrien sich an und diskutierten. Dann nahm einer seine Pistole und schoss dem Pferd in die Stirn. Es sackte zusammen. Jetzt benutzte einer das Funkgerät. Die Kommandantin wurde verständigt.

Einer lief zum Bauer, der den Metzger bestellte. Es dauerte lange, bis er aus Rhinow mit seinem Pferdewagen eintraf. Inzwischen waren viele Dorfbewohner anwesend. Einige hatten Messer dabei und versuchten, Fleisch aus den Oberschenkel der Hinterbeine herauszuschneiden. Die Soldaten paßten auf. Der Metzger brauchte die Hilfe des Bauern, der kam mit seinem laut knatternden alten Trecker mit der Gabel vorne dran und versuchte, mit Hilfe der Herumstehenden, das Tier auf den Transportwagen des Metzgers zu hieven. Kaum fertig, hörte man den Jeep der kleinen dicken Kommandantin. Ihr Fahrer fuhr dicht an das Geschehen heran. Im Wagen stehend schrie sie herum. Dann mußte der, dem das Malheur geschah, mit in den Jeep. Die Frau fuhr mit dem Mann weg. Der Metzger hinterher. Ein Flecken Blut blieb zurück. Alle beruhigten sich wieder und gingen.

An nächsten Tag war es sehr warm. Mein Bruder und ich gingen zu unserem Ufer gegenüber unserer Wohnung. Wir setzten uns ins Gras, als zwei junge Soldaten aus dem Hof kamen. Ein Knecht des Bauern fuhr mit dem Rad an beide vorbei. Er wurde gestoppt. Beide interessierten sich fürs Rad. Einer stieg auf und fiel gleich hin. Der Andere probierte es, auch er fiel hin. Sie verstanden nicht, daß man Balance halten und in die Pedale treten muß. Sie warfen das Rad einfach weg. Der Knecht lächelte, nahm es wieder an sich und fuhr weiter. Man erzählte, daß ein Russe einen Lichtschalter aus dem Flur gerissen hatte und ihn an die Wand der Scheune hielt. Er glaubte wohl, daß so Licht gemacht wird. So dumm waren diese Russen. Wer weiß aus welcher Gegend seines Landes er kam.

Nun, beide kamen auf uns zu. Sie versuchten, uns was zu erzählen. Wir verstanden sie nicht. Sie steckten uns ein Stück Schokolade zu und zündeten sich Zigaretten an. Einer ging. Der andere jüngere Mann gestikulierte und ich verstand, daß er unsere Mutter sehr mag. Diesen jungen Soldaten sah ich einen Tag später noch mal. Er machte eine Handbewegung und meinte: „Morgen weg.“ Er nahm meine Hand und legte ein Taschenmesser hinein. Ich war stolz, einen solchen netten jungen Soldaten als Freund gewonnen zu haben. Einen Tag später war unser Hof leer, man hörte nur noch das Vieh. Doch sie waren nicht ganz weg. In den umliegenden Städten formierten sie sich neu.

In unserem Dorf kehrte erst mal Ruhe ein. Da unser Dorf von den drei Flüssen eingekesselt war, mußte Jeder und Alles die 10 Kilometer lange Straße von und nach Rhinow benutzen.

Das Wehr am Abfluß des Gülpersees führte zum Örtchen Garz. Es war mühsam, diese Wege zu nutzen, und dort sah es auch nicht anders aus als bei uns.

Havelufer

Havelufer

Unsere Strasse "Kleindorf"

Unsere Strasse „Kleindorf“

Nicht nur die Zeit, auch die Russen im Ort wurden immer schlimmer. Rauchen, trinken, Alles kaputt machen, die noch vorhandenen Tiere wurden mißhandelt. Die Älteren schlugen Kinder und rannten hinter die Frauen her. Gewalt war bei denen an der Tagesordnung. Der Bauer war machtlos, die Russen hausten, mißhandelten das Vieh und nahmen einfach die letzten Pferde mit.

Der ganze Spuk mit den Russen dauerte nicht lang. Nach und nach wurden immer mehr abgezogen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich aus dem Fenster sah: Die Russen waren in der Nacht abgezogen. Die Zwangsarbeiter waren schon fast alle weg. Sie wurden von den Russen frei gelassen. Doch etliche wußten nicht, wohin und blieben. Die Bauernarbeit wurde immer mehr vernachlässigt

Wir spielten wieder mal in der Nähe unserer Fähre, als plötzlich Tiefflieger über uns hinweg sausten. Vor Schreck tauchten wir ins Wasser. Ein älterer Junge meinte, es seien Tommys, die verscheuchen die Russen. Sie flogen Richtung Osten. Ich hörte das Geknatter von Geschosse und Schreie. Wir kamen aus dem Wasser und sahen, dass einige Hühner blutend und tot auf der Uferwiese lagen. Einschlaglöcher waren im Rasen, ein Ast vom Baum hing herab und der Heuwagen wurde getroffen. Die Engländer hatten geschossen. Ich stand an der Fähre bis zur Hüfte im Wasser. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich am rechten Oberschenkel blutete. Zwei alte Frauen kamen angelaufen, schimpften mit uns, ermahnten uns, eine nahm mein Hemd, zerriß es und wickelte den Fetzen um den Schenkel. Sie beruhigte mich: „Es ist nicht schlimm.“ Ein Junge blutete am Fuß, er weinte. Auch ihm wurde geholfen. Die Frauen schickten uns nach Hause. Eine meinte noch: „Die haben die Flak gesehen und glaubten, hier seien Soldaten.“ Ängstlich und immer noch zitternd rannten wir weg. Mutter und der Bauer versorgten meine Wunde.

In den nächsten Tagen flogen immer wieder diese Dinger über unser Dorf, aber ohne großen Schaden anzurichten.

Ich hatte Bauchweh. Mutter und die Nachbarin stellten Blinddarmentzündung fest. Der Bauer bestellte den Krankenwagen. Man legte mich auf den Küchentisch, der Arzt untersuchte, gab mir eine Narkose. Ich wurde im Krankenhaus wach. Ich lag im Kinderbett, daß gerade so paßte. An den Seiten waren Gitter. Die Schwester kam, gab mir eine Spritze, etwas zu trinken und ging. Ich schlief wieder ein. Plötzlich stand Mutter am Bett. Sie sagte mir, alle Betten seien belegt und ich bleibe nicht lange. Ich stellte mich hin. Die Gitter gingen mir bis zur Brust. Nachdem ich einige Tagen fast genesen war, wurde ich nach Hause gefahren.

Ich mußte zur Nachkontrolle. Ein Knecht des Bauern mußte nach Rhinow und nahm uns mit. Er spannte das Pferd vor dem kleinen Heuwagen und fuhr los. Auf halber Strecke hörten wir aus der Kurve lautes Motorengeräusch und Gejohle von Männer. Der Knecht hielt an und befahl Mutter, sie soll sich im Graben hinter die Büsche und Bäume verstecken. Sie tat es. Zwei Militärfahrzeuge mit 7 oder 8 junge Russen in Uniform hielten an. Sie stiegen ab, fuchtelten mit den Armen herum und wollten wissen: „Wo Frau?“ Der Knecht redete laut und gab zu verstehen, daß er mich zum Arzt bringen müsse.

Die Männer brüllten, sangen und tranken Alkohol. Sie fuhren weiter ins Dorf. Mutter kam ängstlich aus dem Versteck, nahm mich in den Arm und bedankte sich beim Knecht. Die Nachuntersuchung war Routine.

Der Knecht nahm uns später wieder mit zur Oma – meine Geschwister abzuholen und dann nach Hause. Etliche Leute hatten Radio. Nachrichten waren wichtig. Mutter war oft bei der Nachbarin oder in der Küche beim Bauern.

Allee von Rhinow nach Strodehne

Allee von Rhinow nach Strodehne

Havelaue

Havelaue

Der Dezember ging vorbei. Von Weihnachten, Silvester und Neujahr hatten wir nicht viel. Es war kalt. Der Gang zur Kirche, ein kurzer Besuch zur Oma, die ein paar Kekse gebacken hatte. Mehr war nicht. Der Winter zwang uns, in den Häusern zu bleiben. Doch es war kaum Heizmaterial vorhanden. Dicke Pullover, Decken Betten wärmten uns. Mein Bruder und ich schlichen oft durch die Scheunen und Ställe, um uns von den Tieren wärmen zu lassen und wir suchten Heizbares für den Kachelofen.

Ablage mit Kleindorf

Ablage mit Kleindorf und Havel

Die Flucht

Es war Winter im Januar 1945. Radio war in dieser Zeit wichtig. Alle Dorfbewohner waren besorgt, die Situation wurde immer brenzliger.

Die berüchtigte Rote Armee der Russen unter Führung von Stalin, der spätere Diktator Russlands, rückte immer näher. Sie war bekannt wegen den Grausamkeiten. Sie mordeten, vergewaltigten, quälten und waren brutal, Sie schossen sofort ohne Warnung. Vor Angst setzte sich ein riesiger Flüchtlingstreck von Osten in Richtung Westen in Bewegung. Fremdarbeiter, entflohene Häftlinge, entlassene Soldaten liefen mit.

Mutter war besorgt. Und wieder wurde auf den Straßen des Ortes geredet, diskutiert um heraus zu finden, was für uns besser sei, hier bei den Russen bleiben oder nach Westen zur Heimat Gelsenkirchen flüchten.

Wir schlossen uns mit Andere zusammen und planten es. Mutter packte alles Nötige ein. Sie nahm uns drei Kinder und ging los. Jeder hatte sein Bündel auf dem Rücken. Es war bitterkalt, doch die Angst trieb uns voran. Durch Schnee und Matsch liefen wir zur Gahlbergmühle, um über den schmalen Steg der Schleuse zum anderen Ufer zu kommen. Wir hatten panische Angst, denn links waren Eisschollen bis hoch zum Steg und rechts fiel das Wasser fast 2 Meter tief. Ängstlich hielten wir uns an den Händen.

Es mußte sein, es gab kein Zurück. Wir hielten uns an den Händen fest und atmeten auf, als wir das andere Ufer erreichten. Wir liefen und liefen. Kurze Pausen in der Kälte waren riskant, man konnte erfrieren. Dann waren wir plötzlich allein. Die Anderen waren schneller und vorweg.

Ich weiß nicht mehr wie, aber wir landeten in einem mir unbekannten Ort am Bahnhof. Halb erfroren nahmen uns deutsche Soldaten mit in die Bahnhofshalle, verpflegten uns und transportierten uns dann zur Sammelstelle in einem Bunker.

1995: 50 Jahre lang ging mir das Dorf Strodehne nicht aus dem Kopf. Immer wieder sah ich Bilder, sogar im Traum. Ich musste unbedingt mal hin. Doch auf den Mauerfall und die Vereinigung musste ich warten. Meine Frau fuhr mit.

Wir machten uns am 12.6.1995 um 5 Uhr auf den Weg, die 537 Kilometer wären in knapp 6 Stunden ohne Pause zu bewältigen. Wir brauchten fast 7 Stunden mit Pausen. Die A1 Richtung Berlin wurde gerade asphaltiert, Baustelle an Baustelle. Es war ein heisser Tag.

Der ehemalige Grenzübergang, die hohen Wachtürme und Reste der hohen Zäune waren noch vorhanden. Die Strassen mit Schlaglöcher, die grossen Strassen-Betonplatten lose. In Rhinow wussten wir nicht weiter. Ein Strassenpolizist zeigte mit der Hand auf das kleine Holzschild mit der Aufschrift: Strodehne!

Ich staunte: Die Strasse war asphaltiert, die Pflastersteine weg. Die großen Bäume an den Seiten der fast 9 Kilometer langen Strasse standen fest und sicher. Die Einfahrt zum Dorf kam mir gleich vertraut vor. Wir fuhren gleich weiter ins Kleindorf bis zum Ende. Die festgefahrene Lehmstrasse mit Schlaglöchern musste bewältigt werden. Unser Backsteinhaus stand noch so wie eh und je. Ich erklärte meiner Frau, was wir im Hof sehen werden. Genauso war es. An der Stallwand waren noch die Haken zu sehen, an denen die geschlachteten Schweine bearbeitet wurden. Mitten im Hof war noch die Reste des Misthaufens. Nur, es war alles verkommen, vernachlässigt, unbewirtschaftet. Niemand war zu sehen, auch Tiere nicht. Der Bauernhof nebenan war leblos. Alle Gebäude zerfallen. Hinter dem Hof graste ein Pferd auf der eingezäunten Wiese.

Der Weg zur Havel führte nach rechts zum Wäldchen. Jetzt ging der Weg zur Strasse und zur neues Fähre. Hier ankerten früher Boote, hier lernte ich das Schwimmen. Wir fuhren zum Dorfplatz. Wo war jetzt der Schmied, der Schuster? Der Platz war eine Baustelle, überall wurde gebuddelt, renoviert, erneuert. Kirche, alte Schule, der Dorfplatz, alles war wie früher. Wir trafen zwei ältere Frauen. Ja sie können sich schwach an Hildegard (meine Mutter) erinnern. Doch mehr erfuhren wir nicht. Ein älterer Mann blickte aus dem Fenster, sah uns und das Auto (Opel GTE) und zog sich zurück.

Den Backofenberg ging es hinunter zur alten Fähre. Hier steht jetzt ein Denkmal. Auf diesem Berg war die Flak aufgebaut. Im Richtung Deich – an Opas ehemaligem Haus vorbei – gingen wir zum Gülpersee. Opas Haus steht nicht mehr. Ein Wochenendhaus ist zu sehen.

Auf der Koppel begrüßten uns einige Pferde. Ein Bauer schob eine Karre vor sich her. Eine Katze lag faul am Wegesrand.

Die Ruine der Gahlbergmühle steht als Wahrzeichen. Ich sah das Wehr und sofort schoss mir die abenteuerliche Flucht 1945 durch den Kopf. Der Anblick des Sees beruhigte. Ein Fischen liess sein Boot übers Wasser gleiten. Vögel umschwirrten ihn. Frösche quakten, ein Storch glitt über uns hinweg. Es ist eine herrliche Gegend. Die Tiere können hier ungestört leben.

Wir kehrten in die Dorfkneipe „Gasthaus Stadt Berlin“ ein. An einem Tisch sassen 3 Männer. Sie verstummten einen Augenblick als sie uns sahen. Das Essen war gut und billig. Übernachtung war nicht drin, denn der Wirt renovierte und baute um. Wir fragten ob es ein Paproth im Ort gibt. Man verstand uns nicht oder wollte nicht. Vielleicht lag es am Dialekt. Was soll`s, fahren wir nach Rhinow. Doch vorher sahen wir uns die neue Fähre an und setzten uns dann unter einen Sonnenschirm vor den mit westlicher Ware voll gestopften Dorfladen. Wir gönnten uns einen Eistee.

In Rhinow übernachteten wir im Hotel zum Mühlenberg in der Hochzeitssuite. Strodehene hat sich nicht verändert bis auf die neuen Wege und Strassen.

Meine Frau wollte heim. Gut, wir haben Zeit und fahren durch Dörfer. Leute in der Gärten, vor den Häusern, auf den Gehwegen sahen uns ungläubig an. Die Schlaglöcher in den Strassen, zwangen uns, langsam zu fahren. Mir war nicht wohl, wollte ich doch kein westlicher Angeber sein. Endlich erreichten wir asphaltierte Strassen ausserhalb der Ortschaften. Ein Verkehrsschild lud uns zur 70 kmh Fahrt ein. Nach etwa 50 Meter ein Schild :50 kmh. Ich liess den Motor bremsen. Plötzlich sah ich aus einem Seitenweg hinter einer Hecke ein Polizist kommen. Er hatte einen Stab in der Hand mit einer Kamera drauf. Zwei seiner Kollegen stiegen aus dem Polizeiauto. Sie winkten. Ich blieb

stehen. Sie zeigten die Ausweise. Ich musste die Autopapiere hervorholen. Sie freuten sich sichtlich und erklärten, dass sie ein neuen modernen Blitzer hätten und ich sei 65 kmh in der 50 er Zone gefahren. Wo 50 steht muss auch 50 gefahren werden. Sie wollten 80 DM, mitkommen zur Wache oder Anzeige. Während unserer Gespräche fuhr ein Trabbi mit erhöhter Geschwindigkeit an uns vorbei. Einer winkte ab und sagte: „Das ist einer von uns !“ Erstaunlich, auf dieser wenig befahrenen Strasse warteten sie, um einen Wessi mit erhöhter Geschwindigkeit zu erwischen ?

Ich zahlte und man gab mir eine gelblich vergilbte Bescheinigung. Meine Frau meinte: „Nie mehr DDR !“

3 Kilometer weiter war hinter einer Strassenkreuzung ein grosses modernes Einkaufcenter errichtet worden. Weit und breit nur Felder und Wiesen. Wozu das Center? Auf dem Parkplatz standen 3 Autos. Wir gingen rein. Im Laden langweilten sich die Verkäuferinnen.

2001: Wir machten eine Woche Urlaub in Ferchesar Lochow in einem Finnhäuschen. Natürlich besuchten wir Strodehne. Wir spazierten durchs Dorf und waren erstaunt, jetzt sah das Dorf sauberer, moderner aus. Na ja, fast überall. Die Fähre war durch eine Brücke ersetzt. Das Gasthaus sah einladend aus. Wir nahmen draussen Platz und genossen die Dorfatmosphäre. Wieder waren kaum Leute zu sehen und einer erklärte, dass es einen Willi in Kleindorf 4 gibt. Wir lernten Willi Paproth kennen. Der fiel aus allen Wolken, als er meinen Ausweis studierte. War ich doch nur 3 Monate älter als er. Durch Überlegungen und Nachfragen stellte sich heraus, dass unsere Großväter vielleicht Brüder waren. Er gab uns noch den Hinweis dass in Rathenow in der Rheinstrasse weitere Paproths wohnten. Es stimmte, doch hier erfuhren wir nichts. Man war zugeknöpft, stumm. „Ja, hier muss eine Tante Selene sein, die ist demenzkrank, der Neffe pflegt sie.“ und „Weiter hinten wohnen noch welche gleichen Namens.“ Was war mit den Leuten los?

Eine Cousine aus Halle machte Familienforschung und stellte fest, dass der Neffe Opas Haus in Strodehne erbte.

Erwin Paproth aus Kelsterbach

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