Der Havelretter

Die Renaturierung der Havel zwischen Brandenburg und Havelberg ist ein Mammutprojekt. Naturschützer Rocco Buchta hat die Heilung des Flusses auf den Weg gebracht.

Ralf Stork schreibt am 27. Juli 2018 auf MAZ-online mit eigenem Foto über den Strodehner Rocco Buchta und sein Projekt Havelrenaturierung.

Strohdene. Der Fischerkahn gleitet leise auf der Havel von Strodehne(Havelland) in Richtung Havelberg. Vorbei an Schilf bestandenen Ufern, kleinen Stränden, Buchten und Nebenarmen. An Graugänsen, die schnell ihre Gössel in Sicherheit bringen. An Reihern, Lachmöwen und Seeschwalben, die sich auf der Jagd nach Fischen ins Wasser stürzen.

Vorne im Boot sitzt Rocco Buchta, er deutet mal nach links, mal nach rechts und erklärt, was sich am Fluss alles verändert hat in den letzten Jahren. Rocco Buchta leitet die Renaturierung der Unteren Havel. Auf der Havel ist er in seinem Element, er kennt jeden Flusskilometer ganz genau, von Bootstouren und den Planungen im Büro.

Er kennt jeden Flusskilometer ganz genau

Das Renaturierungsprojekt, sozusagen die Heilung der Havel, ist 25 Millionen Euro teuer und europaweit einzigartig. Deshalb kommen regelmäßig Delegationen aus England, Holland, KoreaRussland und anderen Ländern. „Wir versuchen hier, die Sünden der Vergangenheit so gut es geht wieder zu reparieren“, sagt Buchta. Zu diesen Sünden gehören die vielen Deckwerke – schwere Steinschüttungen, die die Ufer fixieren. Aber auch abgetrennte Nebenarme des Flusses, durch die schon lange kein Wasser mehr fließt. Kleine Wälle, die das Hinterland abschneiden oder die Rodung der Auwälder am Ufer.

Lange Zeit war die Untere Havel eine wichtige Wasserstraße. Ihre wichtigste Funktion: der schnelle Warentransport. Jetzt soll sie wieder ein echter Fluss sein dürfen, ausufern, Sandbänke bilden, sich verästeln.

Zu den Bausünden am Fluss gehören die vielen Deckwerke

„Zu DDR-Zeiten wurde Westberlin auch von Havelschiffen versorgt“, sagt Buchta. Die DDR-Führung hatte den umständlichen Transitweg so festgelegt, weil man die Westschiffe lieber durch dünn besiedelte Landstriche fahren lassen wollte.

9 Millionen Tonnen Ladung kamen so jedes Jahr nach BerlinBuchtaerinnert sich noch daran, wie er als Kind in Premnitz den Schiffen sehnsüchtig hinterher schaute. Als Kind war er oft mit seinem Großvater am Wasser. Der hatte die Havel Anfang des Jahrhunderts noch als Paradies kennen gelernt – mit Stören und springenden Lachsen.

Als Kind schaute er in Premnitz den Schiffen sehnsüchtig hinterher

Nach der Wende wurde die Untere Havel als Transportweg bedeutungslos – und mit ihr auch die aufwändigen Unterhaltungsmaßnahmen. Buchta und einige Gleichgesinnte erkannten die Chance, die sich daraus ergab: Wenn man den Fluss nicht mehr für große Schiffe herrichten muss, dann kann man doch der Natur wieder mehr Platz einräumen.

Auf ihr Betreiben hin wurden zunächst die großen Naturschutzgebiete am Fluss ausgewiesen, die Kernstücke des 1998 entstandenen Naturparks Westhavelland wurden. 2005 dann der Startschuss für das Renaturierungsprojekt des Naturschutzbundes Nabu. Nach langer Planungsphase werden seit 2014 die Maßnahmen umgesetzt.

Endlich gibt es konkrete Ergebnisse

„Viele Jahre lang konnte ich den Leuten immer nur erzählen, wie gut das wird, was wir machen wollen. Jetzt sehen die Leute, dass es tatsächlich funktioniert“, sagt Buchta. Bei Vehlgast zum Beispiel: Das Boot fährt durch einen schmalen Seitenarm der Havel, der erst vor zwei Jahren wieder geöffnet wurde. Der Altarm war verlandet und mit so vielen Tonnen Sand verfüllt, dass ein Anschluss aus Kostengründen eigentlich nicht in Frage kam. Die Vehlgaster wollten den Anschluss aber so dringend, dass sie den Abtransport des Sandes selbst übernahmen. Der Nabu sammelte zusätzliche Spendengelder ein und am Ende bekam das Dorf seinen alten Havelzugang wieder zurück.

Wenige Meter weiter wurde ein kleiner Wall entfernt, der verhinderte, dass sich die Flutrinne dahinter regelmäßig mit Wasser füllen kann. Eine kleine Betonbrücke führt über den schmalen Wasserlauf. Eine wichtige Funktion hat die Brücke nicht. Aber die Vehlgaster hatten darauf bestanden, weil sie weiterhin ihre traditionellen Angelgründe am Havelufer nutzen wollten.

Bislang hat er jedes Versprechen eingehalten

Beinahe wäre die Brücke einem Planungsfehler zum Opfer gefallen. Durch eine schnelle Intervention Buchtas und das unbürokratische Handeln aller Beteiligten, wurde die Brücke dann doch noch gebaut.„Es ist ganz wichtig, dass wir uns genau an die Absprachen halten. Ist das Vertrauen einmal weg, hat das Projekt in der Region keine Chance mehr“, sagt Buchta.

Bislang hat er jedes seiner Versprechen eingehalten. Jede Maßnahme wurde mit den betroffenen Kommunen abgestimmt. Die Dörfer bekommen ihre Altarme und Badestellen am Fluss zurück. Das ist das Wichtigste für die Menschen.

Die Dörfer bekommen ihre Badestellen am Fluss zurück

Die Natur profitiert am deutlichsten vom Entfernen der Deckwerke und der kleinen Verwallungen: Überall am Fluss sieht man flache, sandige Uferbereiche, auf denen sich das Schilf langsam wieder ausbreitet. Auf den Sandbänken Kiebitze, ein Flussregenpfeifer und ein Flussuferläufer – bedrohte Wat- und Wiesenvögel, die von der Renaturierung am Fluss besonders profitieren sollen. Nach Abschluss der Maßnahmen werden in einem zehnjährigen Monitoring die Auswirkungen für die Tier- und Pflanzenwelt dokumentiert. Aber schon jetzt zeichnet sich ein kleiner positiver Trend ab: „Bei den Wiesenbrütern haben sich die Bestände zumindest auf niedrigem Niveau stabilisiert – mit einer kleinen Tendenz nach oben“, sagt Buchta. Bei seinen regelmäßigen Kontrollfahrten hat er festgestellt, dass die Stellen, an denen die Deckwerke entfernt wurden, von den Vögeln besonders gerne angenommen werden.

Auf den Sandbänken Kiebitze und Flussuferläufer

Auch bei den Pflanzen ist die positive Entwicklung deutlich: Wo die Deckwerke abgeräumt wurden, bildet sich innerhalb kurzer Zeit ein dichter Schilfgürtel. Im Flachwasser davor wachsen Seerosen, Krauses Laichkraut, Raues Hornblatt und andere Wasserpflanzen. Viele Libellen schwirren umher und im flachen Wasser sieht man Tausende winzige Fische, die sich zwischen den Pflanzenstängeln verstecken. „Alle Insektenarten, die am oder im Wasser leben, brauchen solche flachen, sandigen Bereiche am Ufer. Mit der Fischbrut ist es genauso“, sagt Buchta. Zwischen Strodehne und Havelberg wurden die Steine bereits auf einer Länge von insgesamt 13 Kilometern entfernt. Mehr als die Hälfte dieses Flussabschnittes ist damit Deckwerk frei.

Auf 13 Kilometer Länge wurden schon Deckwerke entfernt

Man kann den Unterschied sehen – besser noch – spüren: Die Weite der Landschaft, die vielen Vögel, sind für Städter immer beeindruckend, egal, ob da nun Steine am Ufer liegen oder nicht. Wenn sich aber eine Sandbank flach ins Wasser schiebt, dahinter ein Nebenarm in der Sonne glitzert und das Schilf im Wind raschelt – wenn also alle Übergänge fließend werden, wenn alles in Bewegung ist, dann versteht man, dass man vorher wahrscheinlich noch nie einen natürlichen Fluss gesehen hat.

Als sein Großvater in den 70er Jahren fassungslos vor der eingezwängten und begradigten Havel stand, hat Buchta ihm etwas versprochen: „Opa, wenn ich mal groß bin, mache ich das wieder heile!“ Mit der Umsetzung seines Versprechens ist er schon ziemlich weit gekommen.

Von Ralf Stork