Noch’n Gedicht

Die Bank auf der Düne im Havelland

Seit langer Zeit schlummert das Gedicht von Gabriele Ulbricht auf meiner Festplatte. Heute wurde ich daran erinnert es endlich hier einzustellen. Gabi hat das Gedicht 2005 Geschrieben.

Die Bank auf der Düne im Havelland

Strodehne- ein Dörfchen im Havelland-
Eine Bank auf der hohen Düne stand.
Und kam nach der Wende das Wochenende,
verließen die Berliner die heimischen Wände
und steuerten- mit Picknick und Wag’n
den Ankerplatz an der Havel an.

Die Havel flüstert: “Komm rüber zur Fähr’“
Und kam ein Junge in Turnschuh’n daher,
„Spring ins Wasser, mit nem Köpper, zeig wer du bist,
auch wenn’s vom Amt verboten ist!“
Und kam ein Mädchen, lockte leise die Dün’
„spring an mir herunter, sei munter, sei kühn!“

Und kam im Auto ne Familie daher,
so flüsterte die Havel, “Packt aus, setzt euch her!“
Und kamen Strodehner, so rief sie: „kommt lang!
Spaziert und singt bis zum Sonnenaufgang.

Die Sicht von der Düne geht weit übers Land,
von der Insel kommt sanft ein Wind zum Sand.
Er flüstert in Weiden und Pappeln immerzu,
die Nachtigall singt ihr Lied in Ruh.
Ihr Sand wird im Sommer zum Strand gestreut,
das freute schon immer beim Baden die Leut.

Die Jugend vergnügte sich lachend beim Baden,
die Alten sahen zu auf der Bank ohne Schaden.
Die Hufe der Pferde nach heißem Ritt
kühlten Reiter und Pferd im Trab oder Schritt.
Gemeinsam zerrten wir Müll aus dem Fluss,
entfernten Bierscherben mit zerschnittenem Fuß.

Beim Havelfest traten zum Wettbewerb an
Frau gegen Frau, Kinder, Mann gegen Mann.
Die Körper kämpften sich nass und nasser,
die einen vom Schweiß, die anderen vom Wasser.
Elsdorf- Westermühlen vergnügte mit Chor,
das haben wir alle noch bestens im Ohr.

So gingen die Jahre wohl auf und ab,
auf dem Friedhof reihte sich Grab an Grab.
Der Spargel wurde nicht mehr gestochen,
die Kinder aber am Sandberg krochen
immer gern ganz hoch und sprangen runter,
das Leben ging weiter, mal mutlos mal munter.

Das Leben ging weiter, Arbeit wurde knapp,
die Wirtschaftsfähre, sie scheide nun ab!
Sie rechnet sich nicht mehr in der neuen Zeit.
Wir brauchen was Neues, der Jugend geweiht!
Die EU fördert den Platz an der Sonne.
Sport mit oder ohne Motor bringet Touristen und Wonne!

Der Rastplatz , der Steg, das kostet Gebühr,
wer pinkelt, grillt oder badet, soll zahlen dafür!
Der Bootsverein aber knausert und spart,
hält Bootssteg mit Schlüssel streng verwahrt.
Baut Wälle und Schilder, legt Parkplätze an,
wer kein Boot hat, grillt und badet jetzt nebenan.

Die Arbeit wird knapper, der 1 Euro Job droht.
Wo gibt es noch Arbeit? Was für eine Not!
Den Bäumen werden die Kronen geraubt.
Man reibt sich die Augen, ist das erlaubt?!
Im Namen der Sicherheit ziehen sie Gräben,
gefährden Kindern und Alten das Leben.

Der Sandberg soll verschwinden,
die Bank ist schon weg.
„Investoren“ werd’n sich finden,
zu privatem Zweck sich Holzhütten bauen,
auf die Havel zu schauen.

Nun fragen wir uns staunend und klagen an:
Soll die Düne sterben? Wir bleiben dran!
Wer zieht hier was durch auf unserm Rücken?
Die anonyme Havelaue wird es nicht drücken!
Wer erhält uns die Heimat am eigenen Strand?
So spendet Segen des Amtsdirektors Hand???

Wir bauten und malten, wir wurden nicht matt.
Hand in Hand war die Arbeit zwischen Land und Stadt.
Den Charakter des Dorfes mit Liebe zu gestalten,
wurden die alten Häuser erhalten.
Jeder ließ hier seinen Drachen steigen,
es klangen die Hämmer, die Reden, auch Geigen.

Wir feierten Feste, wir tanzten und sangen,
wir kegelten, ritten, die Lieder klangen,
wir jubelten, tranken und stritten zusammen,
es brannten die Feuer in hohen Flammen.
Soll dieses Zusammen vergessen sein?
Und jeder gründet seinen eignen Verein?

Wie kriegen wir gemeinsam
die Zukunft an Bord?
Wie erhalten wir uns den
gemeinsamen Ort?

Das ist ein weites Feld!
Frei nach Fontane
11. September 2005

Gabriele Ulbrich