Nur Berliner finden die Fähre romantisch

von Susanne Lenz, Berliner Zeitung, 28.05.1999

Kurz hinter Strohdehne ist die Straße zu Ende. Ein Schild befiehlt anzuhalten. Der Fährmann macht sich auf den Weg. Das Blech am Bug knirscht über die steinerne Rampe am Havelufer. Klaus Tennigkeit macht die Kette los.

Für vier Autos ist Platz. Gemächlich geht es wieder hinüber. Am Ufer stehen Weiden, Angler lugen zwischen Butterblumen hervor. Wie romantisch, sagen die Berliner Ausflügler, die unter der Woche schon nervös werden, wenn die Ampel auf Rot steht. Die Leute aus Strodehne oder Stölln dagegen, die in Stendal oder Havelberg arbeiten, sind froh, daß sie bald auf einer Brücke die Havel überqueren können und nicht mehr 60 Kilometer Umweg über Rathenow fahren müssen, wenn sie abends nach halb sechs kommen, der Fluß Eisgang hat oder Hochwasser. Besuche endeten früh Heute wird das Stahlgerüst eingeschwommen, am 10. Dezember soll die Brücke fertig sein. Dann ist der direkte Weg von Brandenburg nach Sachsen-Anhalt zu jeder Zeit befahrbar. Der Fährbetrieb wird eingestellt. Eigentlich hatten sich die Leute in dem stillen Ländchen Rhinow mit der Fähre arrangiert, seit 1971 die marode Holzbrücke abgerissen worden war. Das blieb auch so, als das Land als Betreiber 1996 die Fahrzeiten drastisch kürzte. Auch kam man nicht mehr kostenlos über den Fluß, weil mit der Gebühr von drei Mark pro Auto die jährlichen Kosten in Höhe von 200 000 Mark wenigstens zum Teil finanziert werden sollten. Als Potsdam jedoch im selben Jahr die Fähre aus Spargründen von einem Tag auf den anderen einstellen wollte, wurden die Leute wütend. Das Fernsehen zeigte Bilder von aufgebrachten Bürgern. Der Verein „Wiederaufbau Havelbrücke Strodehne“ gründete sich. Die Landesregierung machte einen Rückzieher und versprach wenig später, eine neue Brücke zu bauen, auch wenn der Brückenbau in Strodehne nicht gerade an erster Stelle der Verkehrsprojekte im Land stand. Das Problem war das Geld. Doch das Landwirtschaftsministerium brachte eine geschickte Finanzierung zustande. Den Großteil der Kosten von 5,8 Millionen Mark trägt der Agrarfonds der Europäischen Union. 1,7 Millionen kommen vom Innenministerium. Nur die Landesregierung von Sachsen-Anhalt konnte man nicht zur Verantwortung ziehen, weil die Landesgrenze erst 200 Meter hinter der Brücke verläuft. Am meisten profitiert wohl die Strodehner Agrargenossenschaft von der Brücke. Der Betrieb konnte seine 80 Hektar Wiesen auf der westlichen Havelseite nur zum Heumachen nutzen. Die Kühe hinüber zu bringen, war mit der Fähre nicht möglich. Doch ausgerechnet von Juli bis September waren der vielen Touristen wegen die Wartezeiten für die Mähdrescher an der Fähre besonders lang. Und das viele Hinüber und Herüber kostete an die 3 000 Mark pro Saison. Der Landrat des Kreises Havelland erwartet wie der Wirt der Strodehner Gaststätte „Stadt Berlin“ einen Aufschwung des Tourismus. „Der Verkehr wird wahnsinnig zunehmen“, sagt der Wirt der Fischerstube im benachbarten Warnau. „Über die Brücke kann man auch um Mitternacht noch fahren“, sagt ein Strodehner zufrieden. „Wenn wir Verwandte drüben besuchen, müssen wir nicht mehr wie früher gehen.“ Gemischte Gefühle gibt es höchstens bei denen, die am Ortseingang wohnen und um ihre Ruhe fürchten und um die Stabilität ihrer Häuser. „Die stehen nicht auf Beton, sondern auf einem Feldsteinfundament“, sagt ein Anwohner. Selbst der Fährmann kämpft jeden Anflug von Wehmut nieder. „Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten“, sagt er. Würde er Ende des Jahres arbeitslos, sähe er die Dinge wohl anders. Doch Klaus Tennigkeit kann beim Straßenbauamt bleiben, und wird künftig Randstreifen mähen oder bei Bauarbeiten helfen. „Bevor wir in Strodehne Sackgasse werden, ist mir die Brücke doch lieber.“